Wie viel Selbstkritik brauchen Führungskräfte?

Selbstkritik ist ein zweischneidiges Schwert. Wer zu hart mit sich selbst zu Gericht geht, fühlt sich unsicher und minderwertig. In Führungspositionen ist jedoch ein selbstbewusstes souveränes Auftreten gefragt. Ein zu selbstkritisches Verhalten kann als Schwäche ausgelegt werden. Mangelnde Selbstkritik jedoch führt zu Arroganz. Fehlende Selbstkritik und Selbstüberschätzung sind laut einer Kienbaum-Studie die größten Gefahren für Manager.

Gute Führung braucht ein gesundes Maß an Selbstkritik und Selbstreflexion.

Kritik am Chef wird selten geäußert

Wer in der Unternehmenshierarchie ganz oben steht, bekommt nur selten direkte, offene und ehrliche Kritik. Laut einer Studie des österreichischen Portals karriere.at sind Führungskräfte ziemlich beratungs- und kritikresistent: 44 Prozent der Befragten sagten, dass niemand im Unternehmen Kritik am eigenen Chef wage. Ein weiteres Drittel gab an, dass der Vorgesetzte lediglich konstruktive Kritik von Vertrauten zuließe. Nur jeder Siebte (16 Prozent) hat Führungskräfte, die „eher gut“ auf geäußerte Kritik reagieren, wenn diese auf fachlicher Ebene stattfindet.

Viele Mitarbeiter getrauen sich also nicht, Kritik am Chef zu äußern, selbst wenn der Vorgesetzte und das Unternehmen dadurch objektiv profitieren würden. Sie befürchten eine verärgerte Reaktion, die für sie bewusst oder unbewusst zu Nachteilen führen könnte.

Mangelnde Kritik von außen durch Selbstkritik ersetzen

Die fehlende Kritik von außen bewirkt, dass Führungskräfte Gefahr laufen, die Realitäten und die eigenen Fähigkeiten nicht mehr richtig einordnen zu können. Umso wichtiger wird die Fähigkeit zur Selbstkritik, denn Selbstüberschätzung kann im Unternehmeralltag eine gefährliche Klippe darstellen. Allzu bekannt sind uns die Negativschlagzeilen von Managern in Großkonzernen, die fern jeglicher Realitäten agierten. Auch Inhaber und Führungskräfte von kleinen und mittelständischen Unternehmen laufen Gefahr, in diese Falle zu tappen, zumal manche von Ihnen sehr autoritär agieren.

Die Fähigkeit, sich selbst richtig einschätzen zu können, bewahrt vor Selbstbetrug, hilft, aus Fehlern zu lernen und führt so zu besseren Leistungen. Dies ist gerade für diejenigen notwendig, die wenig Kritik und Feedback von außen erhalten.

Selbstkritik und Selbstbewusstsein sind kein Widerspruch

Selbstkritik oder vielmehr Selbstreflexion ist für Manager also wichtig: Das Nachdenken über sich selbst, das kritische Hinterfragen und Beurteilen des eigenen Denkens, der eigenen Standpunkte und Handlungen.

Gerade diese Fähigkeit zur Selbstreflexion setzt großes Selbstbewusstsein voraus. Es geht darum, in den Spiegel zu blicken und sich selbst möglichst objektiv einschätzen zu können, die eigenen Stärken, Schwächen, Fähigkeiten, Eigenschaften und die eigene Leistungsfähigkeit. Der Blick in den Spiegel ist unbequem, erfordert Mut, Überwindung und Selbstbewusstsein.

Von daher sind Selbstkritik und Selbstbewusstsein keineswegs widersprüchliche, sondern geradezu ergänzende Fähigkeiten.

6 Maßnahmen zur konstruktiven Selbstreflexion

Tendieren Sie dazu, selbst Ihr stärkster Kritiker zu sein? Oder verzeihen Sie sich Ihre Fehler leicht? Legen Sie ein gesundes Maß an Selbstkritik an den Tag! Diese 6 Maßnahmen helfen Ihnen dabei, Ihr eigenes Verhalten konstruktiv zu überdenken:

1. Kritisieren Sie sich selbst so, wie Sie auch andere kritisieren sollten: Konstruktiv, sachbezogen und konkret. Pauschalurteile wie „Ich bin einfach unfähig dazu“ oder „Ich bin ein schlechter Chef“ bringen Sie nicht weiter. Damit ziehen Sie sich nur nach unten. Besser ist sich zu sagen: Ich habe diesen Fehler gemacht, weil …“. So haben Sie auch die Möglichkeit, aus Ihren Fehler Konsequenzen zu ziehen und zu lernen.

2. Bleiben Sie bei Ihrer Selbstkritik lösungsorientiert. Wenn Sie mit Ihrer Selbstanalyse zu einem Resultat gekommen sind, sollten Sie auch eine Lösung ins Auge fassen. Bieten Sie sich selbst Alternativen an, wie Sie in Zukunft in ähnlichen Situationen verfahren wollen.

3. Führen Sie ein Unternehmertagebuch. Ein sinnvolles Instrument, um sich selbst immer wieder zu hinterfragen, aus seinen Erfolgen und Misserfolgen zu lernen ist ein Unternehmertagebuch, in dem Sie sich die wichtigsten Ereignisse und Erkenntnisse in Stichpunkten notieren. Es kostet Sie nur 3 Minuten Zeit am Tag, aber auf Dauer werden Sie einen echten Schatz an Selbsterkenntnissen sammeln.

4. Reagieren Sie positiv auf Kritik von außen. Kritische Hinweise von Mitarbeitern sollten Sie positiv aufnehmen. Kritisierende Mitarbeiter zeigen zwei überaus wertvolle Eigenschaften: Sie machen sich Gedanken über die Zukunft und Erfolge Ihrer Firma und sie beweisen, dass sie Ihnen als Führungskraft Vertrauen schenken. So gesehen können Sie sich glücklich schätzen, wenn Mitarbeiter Kritik äußern. Sofern es in einer angemessenen Form geschieht, sollten Sie dankbar für diese Kritik sein. Eine beleidigte oder verärgerte Reaktion Ihrerseits ist nicht angebracht und macht Ihre Mitarbeiter zu Duckmäusern. Wollen Sie das wirklich?

5. Fördern Sie Kritik in Ihrem Unternehmen/Team. Einige Unternehmen versuchen Kritik durch Umfragen zur Mitarbeiterzufriedenheit oder durch ein Vorschlagswesen zu kanalisieren. Dadurch bleibt die Anonymität gewahrt. Zudem eignet sich ein Mitarbeitergespräch zum Austausch von konstruktiver Kritik in beide Richtungen. Fragen Sie bei diesen Gelegenheiten Ihre Mitarbeiter bewusst, ob es Kritikpunkte an Ihrem Verhalten und Ihrer Person gibt. Wenn Sie Mitarbeiter haben, die (bislang) nicht gewagt haben, kritische Töne anzuschlagen, dann achten Sie verstärkt auf ihre Körpersprache:Ein Stirnrunzeln oder Kopfschütteln im Meeting, ein fragender Blick, Abwehrhaltung. Sprechen Sie die Mitarbeiter im Anschluss unter vier Augen an und fördern Sie so eine Kultur der konstruktiven Kritik.

6. Training und Coaching. Ein Trainer und Coach kann Führungskräfte dabei unterstützen, die eigenen Verhaltensweisen, Stärken und Schwächen zu überdenken, zu überprüfen und zu verändern. Der Blick von außen bringt auch neue Erkenntnisse und Einsichten. Am Anfang steht immer Ihr Wille zur Selbstreflexion und zur Veränderung. Wichtig ist, dass der Trainer oder Coach auch den Veränderungsprozess begleitet, damit die Führungskraft nicht nach einem Training schnell wieder in alte Verhaltensweisen zurückfällt.

Selbstkritik nach Wilhelm Busch

Lassen wir zum Abschluss die Vorteile von Selbstkritik mit den Worten des Dichters Wilhelm Buch zusammenfassen:

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab‘ ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp‘ ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritikküssen;

Und viertens hoff‘ ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Wilhelm Busch

 

Foto: aboutpixel.de, two businessmen © Mark Chambers

Andreas C. Fürsattel

Andreas C. Fürsattel startete seine berufliche Laufbahn im Vertrieb und baute im Finanzsektor innerhalb kurzer Zeit ein Außendienstteam mit über 600 haupt- und nebenberuflichen Verkäufern auf.

Ab 1996 war Herr Fürsattel nationaler Trainingsdirektor von BEITRAINING für den deutschsprachigen Markt.

Seit 2001 ist Andreas C. Fürsattel Geschäftsführer und Partner der BEIGROUP GmbH und verantwortlich für das operative Geschäft und die Unternehmensentwicklung des internationalen Franchisenetzwerks BEITRAINING.

In seinem Buch Mitarbeiter im Fokus, zeigt er einen Überblick über das gesamte Thema Mitarbeiter-Marketing“ und zeigt klare umsetzbare Wege, um das Unternehmen für die Gegenwart und Zukunft aufzustellen – auch anhand erfolgreicher Beispiele aus unterschiedlichen Branchen.
Erschienen am 07. November 2016 beim Wiley Verlag.
ISBN-13: 978-3527508945
ASIN: B01M36DKHG

Andreas C. Fürsattel

Andreas C. Fürsattel

Andreas C. Fürsattel startete seine berufliche Laufbahn im Vertrieb und baute im Finanzsektor innerhalb kurzer Zeit ein Außendienstteam mit über 600 haupt- und nebenberuflichen Verkäufern auf. Ab 1996 war Herr Fürsattel nationaler Trainingsdirektor von BEITRAINING für den deutschsprachigen Markt. Seit 2001 ist Andreas C. Fürsattel Geschäftsführer und Partner der BEIGROUP GmbH und verantwortlich für das operative Geschäft und die Unternehmensentwicklung des internationalen Franchisenetzwerks BEITRAINING. In seinem Buch Mitarbeiter im Fokus, zeigt er einen Überblick über das gesamte Thema Mitarbeiter-Marketing" und zeigt klare umsetzbare Wege, um das Unternehmen für die Gegenwart und Zukunft aufzustellen - auch anhand erfolgreicher Beispiele aus unterschiedlichen Branchen. Erschienen am 07. November 2016 beim Wiley Verlag. ISBN-13: 978-3527508945 ASIN: B01M36DKHG

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